Bücher am Spitz

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Wien im Barock - Aufstieg zur Weltstadt von
Mag. Barbara Dmytrasz und Friedrich Öhl


Das moderne Österreich beginnt in der Barockzeit.
Der Hochbarock setzt nach der abgeschlagenen Türkenbelagerung von 1683 ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte das Haus Österreich seine größte territoriale Ausdehnung erreicht. Die Pracht der Residenzstadt Wien sollte diese Macht und Größe widerspiegeln. Erstmals entstanden zahlreiche Prunkbauten auch außerhalb der befestigten Stadt, so unter anderem die Karlskirche, die Hofstallungen oder Schönbrunn, die meistbesuchte Sehenswürdigkeit in Österreich. Unter den 1400 Sommerpalais, die der Adel erbauen ließ, ist das Spektakulärste das Belvedere von Prinz Eugen, dem damals reichsten Mann Europas. Die Habsburger förderten seit Beginn ihrer Herrschaft Kunst und Künstler. Im 18. Jahrhundert öffneten sie sich im Zuge der Aufklärung auch wieder den Wissenschaften und die "Barockkaiser" Leopold I. (1658-1705), Joseph I. (1705-1711) und Karl VI. (1711-1740) holten seit dem 17. Jahrhundert mit viel Geld die bedeutendsten Architekten, Musiker, Bühnenbildner und Theaterarchitekten an ihren Hof. Auch die führenden Ärzte Europas wurden mit hohen Gehältern und unbegrenzten Forschungsmöglichkeiten nach Wien gelockt. Eine Weltstadt entstand.



Anna Amilar - Looking for Lilly. Auf der Suche nach Lilly Lieser

In das Leben Lilly Liesers einzutauchen, heißt, sich auf 67 Jahre Zeitgeschichte einzulassen. Henriette Amélie Landau, wie Lilly mit vollem Namen heißt, wird am 4. Juli 1875 als sechstes und letztes Kind des Bankiers Albert Landau und seiner Gattin Fanny Menkes in eine jüdische Familie des Wiener Großbürgertums hineingeboren. Sie wird nicht nur das Ende der Monarchie erleben, sondern auch den Ersten Weltkrieg, die darauffolgende Hungersnot, die Hyperinflation, die Goldenen-Zwanziger-Jahre, den Börsenkrach und den Nationalsozialismus. Persönliche Schicksalsschläge formen Lillys Persönlichkeit. Sie ist sehr vermögend und macht sich als Freundin Alma Mahlers und Mäzenin Arnold Schönbergs einen Namen. 1905 - sie ist gerade einmal dreißig Jahre alt - lässt sie sich von ihrem Mann Justus scheiden und führt von da an ein unabhängiges Leben. Ihre beiden Töchter erzieht sie zu weltoffenen Bürgerinnen. Helene (verh. Berger) promoviert 1920 als erste Frau Österreichs in Staatswissenschaften. Annie wird von Grete Wiesenthal zur Ausdruckstänzerin ausgebildet, hat zahlreiche Auftritte und ist recht erfolgreich. Lilly ist übrigens auch die Großtante von Wiens bekanntestem „Opernführer“ Marcel Prawy.
In den Biografien Alma Mahlers ist sie nicht mehr als eine Randnotiz. In diesem Buch erhält diese Frau ein Gesicht, eine Stimme und die Leser und Leserinnen einen Einblick in längst vergangene Zeiten.
Lillys Geschichte ist eine von Millionen und doch eine, die uns hautnah erleben lässt, was es heißt, in dieser Zeit gelebt zu haben. Am Ende ihres Lebens wird Lilly alles verlieren. Sie wird enteignet, gedemütigt, im Januar 1942 ins Ghetto Riga deportiert, und im November 1943 in Auschwitz ermordet.

Ein Buch für Musikinteressierte, Kunstfreunde, Wienliebhaber, Fans von historischen Romanen und sehr gut recherchierten Biografien. 



Sonst wäre Wien nicht Wien
Menschen, die die Stadt prägten und formten von Mag. Norbert Philipp

Wien wäre heute nicht das Wien, wenn diese Menschen nicht gewesen wären: die Befreier vom Kahlenberg, die Habsburger-Herrscher, die Bändiger der Donau, die Visionäre der Hochquellwasserleitung, die Mäzeninnen und Philanthropen des 19. Jahrhunderts, die Retter des Wienerwalds, die Verteidiger des Stadtbilds und die Grätzl-Heldinnen der Gegenwart. Ohne sie wäre Wien ärmer, hässlicher, grauer und lange nicht so lebenswert. Kluge Köpfe, mutige Herzen und gute Seelen haben Wien geprägt, geformt und vor Schlimmerem bewahrt. Der Donaukanal wäre eine Autobahn, die schönsten Kinos der Stadt wären Supermärkte, der Spittelberg ein Schandfleck, die Donauauen nicht Nationalpark, sondern Gstättn, die Weltstadt nur Provinz.





111 Rezepte, die – von Anfänger*innen bis zu Keksmeister*innen 
Johanna Aust verrät ihre Backgeheimnisse rund um Vorbereitung, Backzeit, Verzierung und Haltbarkeit. Einfache Anleitungen garantieren Backvergnügen für die ganze Familie: für kleine Teigstibitzer*innen und große Kekskönner*innen: von traditionellen Rezepten für Linzer Augen, Spritzgebäck und Lebkuchen bis hin zu neuen Kreationen wie Kastanienpralinen und Orangentrüffel.
Hier kommen alle auf ihre Kekskosten, ob Schokoliebhaber*in, Kokosanhänger*in oder Spritzgebäckfans. Und sollte doch mal etwas schiefgehen: No-Waste-Tipps für die Teigüberbleibsel. 

In meiner Familie wurde immer gern und viel gebacken, daher ist es nicht verwunderlich, dass wir alle Kekse-Backbücher immer wieder durchgearbeitet haben, alles wurde ausprobiert und am Ende sortiert man dann doch wieder aus - es bleibt nur das eine, das man von der Oma geerbt hat und das von Johanna Aust, weil die Rezepte grandios, einfach, traditionell und mit Geling-Garantie funktionieren. 

Johanna Aust - Die besten Weihnachtskekse. 111 himmlische Rezepte. Löwenzahn Verlag 2019




Gutes Essen muss nicht kompliziert und aufwendig sein, das bedeutet: keine außergewöhnlichen Zutaten, lange Vorbereitungszeiten oder knifflige Profi-Moves. Dafür gutes, bodenständiges, alltagstaugliches Essen, das garantiert schmeckt. Und wenn es doch einmal ein wenig aufwendiger sein soll? Auch für die große Runde hält Christina das passende Ofengericht bereit. Denn der Backofen bietet eine unglaubliche Geschmacksvielfalt: von pikanten Cannelloni über knusprige Flammkuchen, herzhaft gefüllte Paprika, klassische Spätzle bis hin zu flaumig-warmen Mehlspeisen á la Heidelbeerschmarrn, Apfelstrudel und Rhabarber-Cheese-Auflauf.

Und auch vorbereiten kann man viel - Man muss gar nicht jeden Tag mit viel Aufwand kochen oder backen und die sympathische Jungbäuerin zeigt uns wie das geht. 

Eine unbedingte Empfehlung für alle, die gerne frisch, regional und gesund kochen, aber dafür nicht unbedingt mehr (Zeit) investieren möchten! 

Christina Bauer - Kochen mit Christina. Über 70 Rezepte für den Backofen, die immer gelingen. Löwenzahn Verlag 2023




Die Shortlist zum Österreichischen Buchpreis 2023 
Folgende Titel sind nominiert:
Milena Michiko Flašar– Oben Erde, unten Himmel (Wagenbach Verlag)
Wolf Haas – Eigentum (Carl Hanser Verlag)
Maja Haderlap – Nachtfrauen (Suhrkamp Verlag)
Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert (Wallstein Verlag)
Clemens J. Setz – Monde vor der Landung (Suhrkamp Verlag)

Milena Michiko Flašar 

Oben Erde, unten Himmel

Die Jury: „„Alleinstehend mit Hamster“, so lautet die Selbstbeschreibung von Suzu, einer jungen Frau auf Arbeitssuche in Tokio. Nach der erfolgreichen Bewerbung bei einer Spezialreinigungsfirma, wird Suzu Leichenfundreinigerin. Mit Eintritt in diese unbehagliche Arbeitsatmosphäre verändert sich gleichzeitig ihre gesamte Weltwahrnehmung. Hinter dem japanischen Begriff „Kodokushi“ verbirgt sich ein trauriges Phänomen: damit werden Tote bezeichnet, die unbemerkt in ihren Wohnungen verwesen, bis sie durch extreme Geruchsbelästigung entdeckt werden. Mit existentieller Kraft, stilistischer Präzision und viel Humor schreibt die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters von den unterschiedlichsten Facetten der Einsamkeit. Flašars Geschichte weiblicher Selbstermächtigung weitet sich nach und nach zu einer Reflexion über den Tod und unseren Umgang mit ihm aus. Die Schriftstellerin hat in ihrem Roman äußerst originelle Figuren geschaffen, faszinierend ist auch ihr Blick für die feinen Verästelungen sozialer Beziehungen. Die Tatsache, dass der Roman in Japan spielt, ist kein Hinweis darauf, dass sich die Geschichte nicht auch in anderen Großstädten der Welt abspielen könnte.“

Februar 2023, Wagenbach Verlag


Wolf Haas "Eigentum"

Die Jury: „Nun ist es schon wieder passiert, doch diesmal explodiert die Haas’sche Sprachmagie ganz nah am Biografischen. Wolf Haas rekonstruiert das Leben seiner Mutter, dabei sein eigenes Erleben ihrer letzten Tage im Pflegeheim, sein Erleben der Nicht-Mütterlichkeit und des Grantelns, aber auch die Unermüdlichkeit einer Frau, die ihr Herz so gerne ans Gold hängen würde. Doch Eigentum ist ihr nicht vergönnt, trotz harter Arbeit – erst der Grabplatz gehört einzig und allein ihr. Neben dieser und so vielen anderen Pointen dieses Romans ist es die große Frage, die den Grund bildet. „Kann man vom Leben schreiben?“ heißt der Titel einer Poetikvorlesung, die en passant und neben dem Sterbebett entstehen muss. Die große Antwort kommt in schmalem Format daher, verdichtet auf rund 150 Seiten. Wolf Haas kann es, vom Leben schreiben und vom Tod. Und dies so gelungen, wie derzeit selten zu lesen in der autofiktional engagierten Gegenwartsliteratur. Liebe und Anarchie, wie immer bei diesem Autor durchziehen diese beiden Pole auch seinen neuen Roman, verwickelt in den typischen Ton aus Schmäh, Experiment und Lakonie. Wolf Haas verlässt sich trittsicher auf sein erzählerisches Vermögen und schafft einen Sog, der immer wieder kurz stockt, wenn die Abwesenheit auftritt. Nicht zuletzt ist dieser Roman ein so noch nicht gelesenes Buch der Trauer, ein Roman kurz vor dem Moment des Mutterseelenalleinseins.“

September 2023, Carl Hanser Verlag


Maja Haderlap "Nachtfrauen"

Die Jury: „Wenn Schweigen laut wird, davon berichtet die Kärntner Slowenin und Bachmannpreisträgerin Maja Haderlap in ihrem Roman „Nachtfrauen“. Drei Frauen, drei Generationen und ihr Ringen um Autonomie. Mit Auszügen aus ihrem Debüt „Engel des Vergessens“ gewann Maja Haderlap 2011 den Bachmannpreis, in Folge wurde der Roman, verortet im südlichen Kärnten, zum Verkaufserfolg. In „Nachtfrauen“ kehrt die Schriftstellerin wieder in jene Grenzregion zurück. Der Besuch ihrer Mutter im Südkärntnernischen Dorf wird für Mira zur Zeitreise. Ihr eigentlicher Auftrag ist es, der Mutter den Auszug aus dem Haus, in dem sie seit Jahrzehnten lebt, schmackhaft zu machen. Die Reise zur Mutter in die Heimat führt in die Vergangenheit dreier Frauen unterschiedlicher Generationen, geprägt von bäuerlich-patriarchalen Strukturen. Die Frauenbiografien zwischen traumatischen Kindheitserlebnissen, ungelösten Konflikten und katholischen Dogmen verwebt Maja Haderlap eindrucksvoll und virtuos zu meisterhafter Literatur. „Nachtfrauen“ ist ein tief bewegender Roman von großer poetischer Kraft. “

September 2023, Suhrkamp Verlag


Teresa Präauer "Kochen im falschen Jahrhundert"

Die Jury: „Fünf namenlose Menschen und der Versuch eines Abendessens: Teresa Präauers Roman führt in eine klassische Situation, die an die Kammerspiele Yasmina Rezas oder Edward Albees gemahnt – doch wir wären nicht bei der gewitzten Autorin, wenn alles am Schnürchen eskalieren würde. Nein: dieser Abend beginnt immer wieder von vorn, die Lektüre wird zum Wiederholungsgeschehen, das in die Tragik, die Farce, das Surreale läuft. Mit anschlussfähiger Genauigkeit sind die Dialoge gestaltet, mit soziologischer Kundigkeit und feinstem Florett die Szenerien auf das geölte Parkett gestellt. Pierre Bourdieu läuft ebenso mit wie die Playlist „für Jazzliebhaber mit wenig Ahnung und viel Geschmack“. Bis es zur diskreten Entgleisung kommt, landen die Nahrungsbiografien und Designfetische der bürgerlichen Mitte im Topf, die feinen Unterschiede werden dekliniert und der Crémantvorrat ist schier unendlich. Dieser Roman ist nicht nur eine Einladung zum literarischen Pärchenabend, sondern ein Köcheln am offenen Herzen der Bourgeoisie. Heiß und ironisch, vollends gegenwärtig und mit langem Abgang.“

Februar 2023, Wallstein Verlag


Clemens J. Setz "Monde vor der Landung"

Die Jury: „Clemens J. Setzs Roman „Monde vor der Landung“ erzählt das Leben eines Querdenkers „avant la lettre“, ohne dessen obskure Gedankenwelt lächerlich zu machen oder umgekehrt zu verharmlosen. Das Innenleben des Protagonisten Peter Bender, dessen historisches Modell in den 1920er Jahren relativ erfolgreich die sogenannte Hohlwelt-Theorie propagiert hat, wird in all seinen Schattierungen und sozialen Verästelungen offengelegt, aber niemals denunziert. Selbst in den offensichtlichen Unaufrichtigkeiten gegenüber seinen glühenden Anhängern sowie den Lieblosigkeiten gegenüber seiner eigenen Frau und seiner heimlichen Geliebten wirkt Bender menschlich und irgendwie sogar sympathisch. Angesichts der radikalen politischen Verwerfungen in den 1930er Jahren mit ihren viel tieferen ethischen Abgründen und Brutalitäten erscheint Benders verquere Weltsicht plötzlich gar nicht mehr so haarsträubend wie zunächst. Sein trauriges Schicksal und das seiner jüdischen Frau im Nationalsozialismus wird so fragmentarisch berichtet, wie sie überliefert sind, sodass stets Dezenz gewahrt bleibt. Die kulturell, historisch und sprachlich ausgesprochen sensible Erzählinstanz ergreift niemals Partei und legt kein Urteil nahe. Auf diese Weise können Leserinnen und Leser ihren eigenen Zugang in die komplexe Thematik entwickeln und das soziale Abtriften eines trotz allem einnehmenden Menschen „von Innen“ erleben.“

Februar 2023, Suhrkamp Verlag 



Josephine W. Johnson "Die November-Schwestern"

Die "Great Depression", die schwere Wirtschaftskrise, welche die Vereinigten Staaten in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschütterte, veranlasste John Steinbeck zu seinem großen, 1940 mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichneten, Roman "Früchte des Zorns", wo er die Folgen für die arbeitende Bevölkerung am Beispiel einer verarmten Farmersfamilie eindrucksvoll zu schildern wusste. Nicht weniger herausragend, wenn auch auf ganz andere Weise, ist der bereits einige Jahre früher entstandene Roman "Die November-Schwestern" der damals gerade einmal vierundzwanzigjährigen Schriftstellerin Josephine W. Johnson.
Auch hier wird das entbehrungsreiche Leben einer urbanen, weißen Familie nachgezeichnet, die als letzte Hoffnung eine verlassene Farm erwirbt, um diese zu bewirtschaften. Ihre Zukunft ist nun dem unterworfen, was die Erde hergibt, aber die kargen Erträge genügen allenfalls, die fünfköpfige Familie zu ernähren. Alles übrige fließt in die Abzahlung des hypothekarisch belasteten Landes.
Anders als Steinbeck mit seiner naturalistischen Schilderung sozialen Elends bedient sich Johnson einer bilderreichen, gefühlsbestimmten Sprache, die die Natur entlang der Jahreszeiten in all ihrer wild-rauen, berückend-schönen, ebenso grausamen wie prachtvollen Erscheinung lebendig werden lässt. Erzählt wird über "diese von der dunklen Qual des Heranwachsens geprägten Jahre" von Marget, der mittleren der drei ungleichen Haldmarne-Schwestern. Während die jüngste, Merle, von einer Art Gleichmut und Unbeschwertheit umfangen scheint, umgibt Kerrin, die älteste, etwas dunkles, unbeherrschtes. Schon bald beginnt sie sich der restlichen Familie zu entziehen und wird Lehrerin an einer Schule, wo man sie aber wieder entlässt, weil sie die Kinder weniger unterrichtet als vielmehr einschüchtert.
Eines Tages findet sich ein junger Mann, Grant, auf der Farm ein, um dem Vater bei der harten Arbeit zur Hand zu gehen. Mit seiner beständigen Anwesenheit beginnt sich das ohnehin empfindliche Familiengefüge auf beunruhigende Weise zu verändern, vor allem für die Schwestern.
Überdies setzt eine monatelange Dürreperiode ein, Bäche und Teiche trocknen aus, das Getreide verdorrt, das Vieh schreit vor Durst. Und ein nächstes Unheil bahnt sich an...
Eine reine Nacherzählung, soviel sei gesagt, wird der Wirkung dieses Buch in keiner Weise gerecht.
Und besonders eindrückliche Passagen daraus zu zitieren, hieße, am besten gleich den ganzen Text hier abzudrucken.
Denn das wahre Wunder dieses Romans ist sein unerhört vollendeter Stil, der von der ersten Seite an seinesgleichen sucht an ebenso präzisen wie berückenden Beschreibungen der Natur und den Empfindungen der Menschen, die ihr aufs äußerste ausgeliefert sind.
Ein amerikanischer Klassiker, der nichts von seiner Wucht und Schönheit eingebüßt hat.

Aufbau Verlag 2023



John Ajvide Lindqvist - Refugium 

In Schweden ist der anfangs als Stand-Up-Comedian erfolgreiche John Ajvide Lindqvist schon längst ein Bestseller-Garant, bei uns aber bislang eher unbekannt. Das dürfte sich mit dem Auftakt zu dieser Trilogie aber schnell ändern.
Schon die Hintergrundgeschichte zur Entstehung liest sich wie ein Thriller: Jeder kennt die Millennium-Trilogie des 2004 verstorbenen Stieg Larsson, die seit diesem Zeitpunkt von anderen Autoren weitergeführt wird – einer von ihnen sollte Lindqvist sein. Allerdings wurde sein Manuskript vom Verlag abgelehnt, es wäre zu witzig geschrieben und die Handlung würde nicht passen, genau die mochte der Autor aber am Meisten. Um Plagiate zu vermeiden, entschloss er sich also kurzerhand dazu die Geschichte zu behalten, aber geringfügig zu verändern. Aus Mikael wurde die etwas ältere, ehemalige Polizistin und nunmehrige Krimiautorin Julia Malmros, die nun den Auftrag bekommt, die Millennium-Trilogie von Larsson weiterzuschreiben, deren Manuskript der Verlag aber ablehnt und die plant sich dafür zu rächen (!) und aus Lisbeth wird der junge Computerspezialist und Hacker Julian Kim Ribbing. Die beiden kommen sich schon zu Beginn der Handlung näher und sind gerade gemeinsam in Julias Sommerhaus auf einer kleinen Insel, als ganz in der Nähe Schüsse zu hören sind. Auf der Nachbarinsel, wo gerade die Midsommarfeier des erfolgreichen Unternehmers Olof Helander stattfindet, legt ein Boot an und maskierte Männer schießen um sich und ermorden alle Gäste. Nur die Tochter der Familie kann sich ins Wasser retten, sie wird von dem ankommenden Paar gefunden.
Wer hat Gründe einen Mann und seine Freunde hinzurichten, der sein Vermögen mit dem Handel von Emissionsrechten und CO2-Zertifikaten erworben hat?
Eine unglaublich spannende Ermittlung rund um den Globus und ein zugleich sehr unterhaltsames Lesevergnügen, nicht nur für Stieg Larsson Fans, nehmen seinen Lauf. Die Tatsache, dass die Figuren natürlich in einer gewissen Weise trotzdem bekannt sind und die Geschichte um das abgelehnte Manuskript, erscheinen schon fast als eine Form von illusionsstörendem Erzählen, was der Story eine Wendung und einen Sog gibt, wie ich sie so noch nie erlebt habe.
Wir dürfen sehr gespannt auf die Fortsetzung sein, die im Juli 2024 auf Deutsch erscheinen soll.

dtv 2023



Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2023


Terézia Mora: "Muna oder die Hälfte des Lebens"

Inhalt: Muna verliebt sich in Magnus, er ist Französischlehrer und Fotograf. Die beiden werden ein Paar, doch schon bald erkennt sie ihn nicht wieder. Er ist gefühlskalt, unberechenbar, unbeherrscht. Muna sieht über ihre verletzten Gefühle hinweg, redet sich ein, dass alles besser wird. Sie verschließt die Augen vor der Wahrheit - immer und immer wieder.
Kommentar: Wie viel Kälte kann ein Mensch ertragen, ohne zu zerbrechen, ohne sich ganz und gar zu verlieren? Terezia Mora schenkt uns mit Muna eine eigensinnige, mutige Protagonistin, die sich trotz ihrer Stärke in eine toxische Beziehung stürzt. Es geht um Verführung, Missbrauch, seelische Gewalt und Selbstermächtigung. "Muna oder die Hälfte des Lebens" ist ein Roman, der nachhallt.


Necati Öziri: "Vatermal"
Inhalt: Necati Öziri legt eine Familiengeschichte über einen Sohn, eine alkoholkranke Mutter und eine Schwester vor - und über einen abwesenden Vater.
Kommentar: Mit "Vatermal" fängt Öziri den Sound der Straße ein: wütend, schlagfertig, witzig und zart. Seine jugendlichen Helden suchen Orientierung in einer Gesellschaft, in der sie nie wirklich ankommen. Öziri öffnet uns für diese deutsche Realität die Augen. Ein Roman von radikaler Wahrheit, Wut, Kraft, Liebe und Sehnsucht - und das dringlichste Debüt des Jahres.


Anne Rabe: "Die Möglichkeit von Glück"
Inhalt: Stine kommt Mitte der 80er Jahre in einer Kleinstadt an der ostdeutschen Ostsee zur Welt. Sie ist ein Kind der Wende. Um den Systemwechsel in der DDR zu begreifen, ist sie zu jung, doch die vielschichtigen ideologischen Prägungen ihrer Familie schreiben sich in die heranwachsende Generation fort.
Kommentar: Durch aufwendige Archivarbeit belegt Anne Rabe in "Die Möglichkeit von Glück", wie stark das kulturelle Klima der DDR beeinflusst war von unaufgearbeiteten Kriegserfahrungen. Durch diese scharfe Analyse und eine hochemotional erzählte Familiengeschichte gelingt ihr damit ein aufrüttelnder Beitrag zu aktuellen Debatten über die Ursprünge von Gewalt und Menschenfeindlichkeit.

Tonio Schachinger: "Echtzeitalter"
Inhalt: Ein elitäres Wiener Internat, untergebracht in der ehemaligen Sommerresidenz der Habsburger, der Klassenlehrer ein antiquierter und despotischer Mann. Was lässt sich hier fürs Leben lernen? Till Kokorda kann weder mit dem Kanon noch mit dem snobistischen Umfeld viel anfangen. Seine Leidenschaft ist das Gamen, konkret: das Echtzeit-Strategiespiel Age of Empires 2. Hier wird er zur Berühmtheit. Doch wie echt ist sein Online-Glück?
Kommentar: Tonio Schachingers „Echtzeitalter“ gelingt das Kunststück, als Coming-of-Age-Roman ebenso einfühlsam wie dezent zu sein. Stilistisch brillant, aber nie aufdringlich wird die Geschichte des Wiener Gymnasiasten Till erzählt: Zerfall der Familie, Freundschaften, erste Liebe, der diabolische Klassenlehrer Dolinar und seine despotischen, aber auch prägenden Lektionen über Literatur und Sprache.

Sylvie Schenk: "Maman"
Inhalt: Eine Annäherung an die eigene Mutter und eine schmerzhafte Abrechnung: 1916 wird Sylvie Schenks Mutter geboren, die Großmutter stirbt bei der Geburt. Angeblich war diese eine Seidenarbeiterin, wie schon die Urgroßmutter. Aber stimmt das?
Kommentar: Sylvie Schenk begibt sich mit "Maman" auf eine Spurensuche, die zur Lebensgeschichte ihrer Mutter, ihrer Familie und damit zu ihren eigenen Wurzeln, ihrem eigenen Wesen führt. Kunstvoll verwebt sie dabei Fakten und Fiktionen und verdichtet sie zu einer literarischen Biografie, die der Sprachlosigkeit der Mutter eine Erzählung entgegensetzt, in der auch Armut, Scham, Trauma und Zweifel ihren Ausdruck finden.


Ulrike Sterblich: "Drifter"
Inhalt: Wenzel und Killer sind Freunde seit Ewigkeiten und stehen mitten im Leben. Killer als PR-Chef einer großen Firma, Wenzel betreut die Social-Media-Kanäle eines TV-Senders. Doch alles ändert sich, als Vica in ihr Leben tritt: eine Frau in goldenem Kleid, meist begleitet von zwei treuen Adjutanten und einem riesigen Zottelhund. Mit jeder Begegnung ploppen neue Fragen auf, vor allem: Woher weiß sie so viel über Wenzel und Killer?
Kommentar: "Drifter" von Ulrike Sterblich ist ein einziger furioser Ritt. Eine bitterböse Satire auf den Literaturbetrieb, die PR-Branche, Kunst, Social Media, Aktienmanager und Heldenverehrung. 


Der Gewinner wird am 16. Oktober bekannt gegeben. Weiter Informationen und Details zum Preis und der Verleihung finden Sie unter: https://www.deutscher-buchpreis.de/

Zusammenfassung der Jurykommentare: https://www.hessenschau.de/kultur/buchmesse/shortlist-2023-diese-sechs-romane-haben-chancen-auf-den-deutschen-buchpreis-v3,buchpreis-shortlist-122.html Stand 22.9.2023



William MacAskill "Was wir der Zukunft schulden" 

Siedler 2023
"Eine Gesellschaft blüht auf, wenn alte Menschen Bäume pflanzen, in deren Schatten sie niemals sitzen werden".
Mit diesem alten Spruch lässt sich die neuere philosophische Denkrichtung des "Longtermism" wohl am unmittelbarsten definieren, und genau darum, um langfristiges Denken und Nachhaltigkeit, geht es im New York Times-Bestseller des Schotten William MacAskill, seines Zeichens der weltweit jüngste Philosophieprofessor mit einer Anstellung auf Lebenszeit und Mitbegründer verschiedener Organisationen, die sich dem effektiven Altruismus verschrieben haben, also kurz gesagt dafür, eigene Ressourcen - zum Beispiel durch Spenden -  möglichst gut für effektive Zwecke einzusetzen.
Der Fokus liegt dabei - wie der Untertitel besagt "Warum wir jetzt darüber entscheiden, ob wir die nächste Million Jahre positiv beeinflussen" -  auf den uns nachfolgenden Generationen, deren Existenz durch unser eigenes, gegenwärtiges Engagement gesichert werden soll.
"Kommt eh der Komet"
Die Darlegungen MacAskills und die Thesen des "Longtermism" im Allgemeinen reizen zum leidenschaftlichen Widerspruch wie sie in gleicher Weise den Diskursen um die Zukunft der Menschheit im Zeichen von Klimawandel, künstlicher Intelligenz, Pandemien und und Armutsgefährdung einen neuen Gesichtspunkt hinzufügen. Wie lässt sich sicherstellen, dass die Menschheit sich nach einem möglichen Kollaps auch wieder erholt?
"Was wir der Zukunft schulden" ist ein anschauliches und sehr gut lesbares Oeuvre für jeden Interessierten sowie eine spannende Fortführung für die Leser von Rutger Bregmans "Im Grunde gut".
(fh)



 

Hilary Mantel "Sprechen lernen" 

Dumont 2023
Im Vorwort zu Hilary Mantels - im Original bereits vor zwanzig Jahren - erschienenen Erzählband über eine englische Kindheit und Jugend in den 1950er und `60er Jahren schreibt die Autorin, das die Geschichten "aus Fragen über meine frühen Jahren entstanden sind, wobei ich nicht sagen kann, dass ich durch das Übertragen meines Lebens ins Fiktionale Rätsel gelöst hätte (...) Ich bin im Norden Englands aufgewachsen (...) In einer Kleinstadt mit mit einer Reihe rußgeschwärzter Textilfabriken, deren Straßen von schmalen, kalten Reihenhäusern gesäumt wurden".
Beim Lesen dieser Zeilen treten einem unweigerlich Standfotos aus den Filmen des sogenannten "Kitchen Sink Realism" aus der selben Zeitspanne vor Augen ("A Taste Of Honey", "Saturday Night And Sunday Morning", "A Kind Of Loving"), ebenso wie die eindringlichen Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Frühwerk des englischen Dokumentarfotografen Martin Parr, von denen eines auch das Cover der deutschsprachigen Ausgabe ziert.
Nicht weniger anschaulich und meisterhaft sind die sechs autofiktionalen Erzählungen der 2022 verstorbenen Schriftstellerin, wenn sie die Beengtheit der sozialen Verhältnisse und die damit einhergehende Doppelmoral in sprachliche Meisterwerke verwandelt. Immer von beunruhigender Atmosphäre, aber dabei nie ohne leisen Humor, und getragen von den im Mittelpunkt stehenden Stimmen heranwachsender Mädchen und Jungen, lässt sich "Sprechen lernen" als erzählerischer Epilog zur ebenso höchst lesenswerten Autobiografie "Von Geist und Geistern" der zweifachen Booker-Preisträgerin einordnen. Eine uneingeschränkte Empfehlung.
(fh)



 Longlist Österreichischer Buchpreis 2023 

Das sind die zehn Titel der Longlist zum Österreichischen Buchpreis 2023 und die drei Titel der Shortlist Debüt 2023
Birgit Birnbacher – Wovon wir leben (Zsolnay Verlag)
Milena Michiko Flašar– Oben Erde, unten Himmel (Wagenbach Verlag)
Susanne Gregor – Wir werden fliegen (Frankfurter Verlagsanstalt)
Wolf Haas – Eigentum (Carl Hanser Verlag)
Maja Haderlap – Nachtfrauen (Suhrkamp Verlag)
Bodo Hell – Begabte Bäume (Literaturverlag Droschl)
Karin Peschka – Dschomba (Otto Müller Verlag Salzburg)
Teresa Präauer – Kochen im falschen Jahrhundert (Wallstein Verlag)
Clemens J. Setz – Monde vor der Landung (Suhrkamp Verlag)
Christina Walker – Kleine Schule des Fliegens (Braumüller Verlag)

Die für den Debütpreis nominierten Titel (in alphabetischer Reihenfolge):
Arad Dabiri – Drama (Septime Verlag)
Thomas Oláh – Doppler (Müry Salzmann Verlag)
Eva Reisinger – Männer töten (Leykam Verlag)

Die Jury für den Österreichischen Buchpreis setzt sich 2023 aus Verena Brunner-Loss (Buchhändlerin, Buchhandlung Brunner), Imogena Doderer (Kulturredakteurin, ORF), Joachim Leitner (Kulturredakteur, Tiroler Tageszeitung), Katrin Schumacher (Literaturkritikerin, MDR) und Norbert Christian Wolf (Literaturwissenschaftler, Universität Wien) zusammen.
Bekanntgabe der Buchpreis-Shortlist am 10. Oktober
In einem weiteren Schritt wählt die Jury aus den Titeln der Longlist fünf Titel für die Shortlist des Österreichischen Buchpreises aus, die am 10. Oktober 2023 veröffentlicht wird.
Preisverleihung zum Auftakt der Buch Wien (8. bis 12. November)
Erst am Abend der Preisverleihung am 6. November 2023 erfahren die fünf Autor:innen der Shortlist sowie die drei Autor:innen der Debütpreis-Shortlist, wem der Österreichische Buchpreis und der Debütpreis zuerkannt werden.
Die Preisträgerin bzw. der Preisträger erhält 20.000 Euro; die vier anderen Finalist:innen jeweils 2.500 Euro. Der Debütpreis ist mit 10.000 Euro dotiert, die beiden weiteren Debütpreis-Finalist:innen bekommen ebenfalls 2.500 Euro.

Lesung: Shortlist Debüt

Am Donnerstag, den 18. Oktober, um 19 Uhr lesen die drei Autor:innen der Shortlist Debüt in der Bibliothek der AK Wien, Anmeldungen bitte unter bibliothek@akwien.at. Die Lesung wird außerdem im Live-Stream übertragen.
Der Österreichische Buchpreis wird vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels und der Arbeiterkammer Wien ausgerichtet.